... Genitalverstümmelung ...
Geliebte Traditionen

von Anna-Lena Hertel
 

Weibliche Genitalverstümmelung (FGM = Female Genital Mutilation) bezeichnet die teilweise oder vollständige Entfernung beziehungsweise Beschädigung der äußeren weiblichen Geschlechtsorgane. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) unterscheidet hierbei zwischen verschiedenen Formen:

  • Frauen werden teilweise oder vollständig die Klitorisvorhaut, die Klitoriseichel und alle sichtbaren Teils der Klitoris entfernt.
  • Frauen werden teilweise oder vollständig die inneren und äußeren Schamlippe entfernt.
  • Frauen werden die Klitoris entfernt, die Schamlippen amputiert oder aufgeschnitten und zusammengenäht, sodass eine Narbenbrücke entsteht und lediglich ein kleine Öffnung für Urin und Menstruationsblut offen gelassen wird.
  • Frauen werden die Klitoris und Schamlippen durchstochen und zerschnitten.
  • Frauen werden die Klitoris und das umgebende Gewebe ausgebrannt.
  • Frauen wird die Vaginalöffnung ausgekratzt.
  • Frauen werden ätzende Substanzen in die Vagina eingeführt.

    Diese Liste ist unvollständig.

Viele überleben die Verstümmelung nicht. Die überlebenden Mädchen und Frauen kämpfen ihr Leben lang mit den sowohl körperlichen als auch seelischen Folgen.

Nicht zuletzt auf Grund der weltweiten Kritik und umfassenden Aufklärungsmaßnahmen hat ein Umdenken begonnen. So werden in einigen Regionen heute deutlich weniger Mädchen Opfer von Genitalverstümmelung, als noch ihre Mütter. Nach Angaben von Unicef aus dem Jahr 2013 sind weiterhin jährlich drei Millionen Mädchen in Gefahr, an ihren Genitalien beschnitten zu werden. Nach Studien werden TÄGLICH die Genitalien von ca. 8.000 Mädchen und Frauen verstümmelt.
Laut Unicef müssen 125.000.000 Mädchen und Frauen weltweit mit den Folgen von Genitalverstümmelung leben. TERRE DES FEMME ging in einer Studie im Oktober 2005 von ca. 150 Millionen Betroffenen alleine in afrikanischen Staaten und die WHO von 170 Millionen weltweit aus.
Die Studie von TERRE DES FEMME findest Du hier

Begründet werden die Beschneidung und Verstümmelung von weiblichen Genitalien mit Traditionen. In vielen Regionen im westlichen und nordöstlichen Afrika sind Frauen nichts wert, deren Genitalien nicht verstümmelt sind. Sie dürfen nicht heiraten und werden sozial ausgegrenzt. Die Traditionen sind so fest verankert, dass in manchen Regionen eine normale, unbeschnittene Vulva als unästhetisch und unhygienisch gilt.

Es sind …

… geliebte Traditionen.

Part 1 – Ich bin ein Kind.

Meine Mutter nimmt mich an die Hand,
ganz fest hält sie mich.
Sie führt mich fort,
fort zur Hütte der Heilerin.
Stolz recke ich mein Kinn.
Was sollte ich auch anderes tun?
Ich bin nur eine,
nur eine unter tausenden,
tausende täglich.
Wir erreichen die Hütte.
Ich ziehe meine Unterkörper aus
und ich lege mich auf den Boden.
Die Heilerin kommt,
in ihrer Hand eine Rasierklinge.
Das Blut meiner Vorgängerin
klebt noch an ihr.
Neben mir krabbelt ein lustiger Käfer.
Die Heilerin spreizt meine Beine.
Frauen halten mich fest,
pressen mich auf die Erde.
Ich möchte mit dem Käfer spielen.
Die Klinge dringt in mein Fleisch ein.
Mein Blut fließt in Strömen.
Ich schreie.
Meine Klitoris fällt auf den Boden.
Die Klinge gleitet weiter,
fast schon sanft.
Wo ist denn nur der Käfer?
Zärtlich hält die Heilerin meine Schamlippen,
während sie sie Stück für Stück entfernt.
Die Inneren und natürlich auch die Äußeren.
Hoffentlich vergisst sie nichts.
Sie nimmt die nutzlosen Fleischstücke
und wirft sie achtlos zur Seite.
Ein kleiner Strohhalm.
Sie führt ihn in die blutige Masse ein.
Praktisch so ein Strohhalm.
Eine Nadel sticht mich,
immer wieder.
Dringt in meine Haut ein und wieder aus.
Endlich sind die Seiten meiner Vulva zusammengenäht.
Die Heilerin bandagiert meinen Körper,
von den Knöcheln bis zur Hüfte.
Der Käfer ist wieder da!


Part 2 – Ich bin eine Frau.

Sie haben mich verheiratet,
verheiratet mit einem guten Mann.
Er wollte mich,
weil ich wertvoll bin,
unangetastet,
und das beweisbar.
Heute ist unsere erste Nacht.
Er beugt sich über mich.
Ich rieche seinen Schweiß
und fühle seine Erregung.
Gleich wird er mich öffnen.
Der lustige Käfer ist wieder da.
Ich spüre wie sein Glied gegen die Narbe stößt.
Stoß um Stoß um Stoß.
Immer härter,
schneller.
Leise Flucht er vor sich hin.
Ob Käfer auch fluchen können?
Er fängt an zu keuchen,
härter, schneller
und doch bleibe ich verschlossen.
Er sieht mich an,
seine Lende bebt vor Erregung.
Er küsst mich auf die Stirn
und verlässt du Raum.
Wo ist denn schon wieder der Käfer hin?
Dann ist mein Mann wieder da,
in der Hand ein Messer.
Er lächelt mich sanft an,
spreizt zärtlich meine Beine.
Ich beiße auf meine Lippen,
während die Klinge durch meine Haut gleitet,
forschend immer weiter dringend,
um ein Paradies freizulegen.
Dann sind die Tore geöffnet,
frei für sein Glied.
Er dringt in mich ein,
stößt immer wieder zu.
Ja, ich bin sein.
Ein süßer Geruch liegt lieblich in der Luft,
als sich seine Samen mit meinem Blut vermischen.
Und der Käfer krabbelt über rote Erde.


Part 3 – Ich bin eine Mutter

Mein Leib ist dick und rund,
Wehen lassen mich erzittern.
Gleich werde ich neues Leben schenken.
Welch eine Gabe.
Der lustige Käfer steht mir bei.
Mein Tor zum Paradies ist noch zu klein,
so zückt die Hebamme eine Scherbe.
Das Glas dringt in meine Haut,
öffnet sie für mein Kind.
Warm umhüllt mich mein Blut.
Ich presse noch einige Stunden,
dann ist es da,
mein Kind.
Eine Tochter!
Wie schön.
Ich lächle dem Käfer zu.
Erneut gleitet das Glas durch meine Haut.
Ritsch ratsch.
Fort mit dem alten Narbengewebe!
Ritsch ratsch.
Schreie ich?
Ich spüre meinen alten Freund,
den Strohhalm,
wie er in mein blutiges Fleisch gleitet.
Auch die Nadel sticht mich wieder,
durchstößt meine Haut,
rein und wieder raus,
zu verschließen die Tore zum Paradies.
Doch ich spüre nichts,
fast.
Der Käfer hat sich sowieso schon längst wieder versteckt.
Meine Gedanken sind weit fort,
schöne Träume formen sich.
Lächelnd denke ich an den Tag,
an den Tag,
an dem ich die Hand meiner Tochter nehmen werde.
Ganz fest werde ich sie halten,
wie einst meine Mutter.
Ich werde sie zur Hütte der Heilerin führen
und dort wird sie wahres Glück empfangen.
Oh, wie reich sind wir Menschen,
wie besonders,
dass wir solche Traditionen haben.
Ich liebe sie,
unsere Traditionen.
Sie machen uns doch erst zu dem,
was wir sind.
Wie beschneiden eigentlich Käfer ihre Kinder?