... Die Matriarchatsbewegung ...

von Uscha Madeisky 

GöttinnenGleich: Venus



Uralt-Mutter, ich hör Dein Rufen,
Uralt-Mutter, ich sing Dein Lied,
Uralt-Mutter, ich hör Dein Lachen,
Uralt-Mutter, fühl Deinen Schmerz





Von der MATRIARCHATSBEWEGUNG


möchte ich Uscha Madeisky sehr gern für diese Ort, an dem die Große Mutter in jeder Frau gesehen wird, berichten.

Seit den 70er Jahren engagiere ich mich in der Frauenbewegung.
Anfang der 90er Jahre erfuhr ich zum ersten Mal von der Existenz matriarchaler Gesellschaften. Mit der Stärkung durch die Frauenbewegung konnten Ethnologinnen diese Gesellschaften selber besuchen, präzise beschreiben und analysieren. Forscherinnen leisten hier bedeutende Arbeit, ganz besonders Heide Göttner-Abendroth. Sie erstellte, multidisziplinär - historisch, archäologisch,
ethno- und soziologisch - eine grundlegende Definition von Matriarchaten. Und Frauen wie die Religionsphilosophin Christa Mulack veröffentlichten zu Matriarchalem Bewußtsein.

Ich war äußerst fasziniert von dieser Entdeckung: Es gibt Gesellschaften, die keine systematische Gewalt kennen, keine Kriege führen, die Natur nicht zerstören!?
 
Ich sagte mir, dafür hast Du Dein Filmhandwerk gelernt, da wirst Du hinreisen, da erfährst Du etwas ganz Besonderes. Und Du wirst davon in Filmen erzählen. So kam es, dass ab da alle Filme, die ich produzierte, in matriarchalen Gesellschaften gedreht wurden. Zum Beispiel im Nordosten Indiens bei den Khasi, den Jaintias, den Garos, in der Südsee auf Palau, im Osten Afrikas bei den Kunama, in Südchina bei den Mosuo.

Je mehr ich über diese Gesellschaften, ihre Struktur, und das Bewusstsein der Menschen erfuhr, desto mehr verstand ich, dass wir von ihnen lernen können. Immer klarer wurde: Hier sind Lebensmuster zu finden, die Modell sein können für herrschaftsfreies Zusammenleben.

Betonen möchte ich, auch wenn es hier und da schon bekannt ist:  „Matriarchat“ ist  keine gespiegelte Umkehrung des Patriarchats, es bedeutet  nicht  Frauenherrschaft! Eher so: Mütter und Kinder stehen dort im Mittelpunkt!

Da weltweit immer mehr Forscherinnen sich mit matriarchalen Gesellschaften zu beschäftigen begannen, wurden Weltkongresse für Matriarchatsforschung veranstaltet. 2002 in Luxemburg, 2005 in Texas. Heide Göttner-Abendroth lud WissenschaftlerInnen und auch VertreterInnen aus den Matriarchaten selbst dazu ein. Diese erklärten, dass im Zentrum der matriarchalen Ordnung die MUTTER steht, das mütterliche Prinzip.

So veranstalteten wir Frauen von der Akademie ALMA MATER, vom MatriaVal Verein und der matria-Oase, Hamburg im Jahr 2008 den Internationalen Muttergipfel in Karlsruhe.

Die Kontakte zu Frauen und Männern aus den Gesellschaften selbst wurden immer intensiver. Diese Menschen bestätigten uns darin, dass für den sozialen Zusammenhalt Spiritualität von höchster Bedeutung ist. Spiritualität ist eine Haltung, die davon ausgeht, dass alle mit allen und mit mit allem verbunden sind. In Matriarchaten wird die Schöpfung weiblich-göttlich gesehen, daher begeben sie sich unter den Schutz von Göttinnen.
Dies griffen wir auf und veranstalteten auf dem Hambacher Schloss in der Pfalz im Jahr 2010 den Internationalen Goddeskongress, also Göttinnenkongress!

Diese matriarchalen Gesellschaften sind Gesellschaften in Balance und werden auch  „Konsensgesellschaften“ genannt. Wir in der Matriarchatsbewegung Engagierte sind überzeugt, dass solche Gesellschaften, die einst überall existierten, auch wieder Gesellschaften der Zukunft sein können.
Warum? Fangen wir bei ihrem Verhältnis zur Natur an. Matriarchale Menschen sehen die Erde als eine Große Mutter, der sie dankbar sind. Sie sind gewiss, dass wir alle von ihr genährt werden, leiblich und auch seelisch. Sie würden nie wagen, Mutter Erde auszubeuten oder schlecht zu behandeln. Sie begreifen sich als Teil der Natur. Der Begriff  „matriarchal“  bezeichnet nicht nur eine Gesellschaftsordnung, sondern auch eine Kultur, die Pflege des Lebens, des Lebendigen.

Wie halten Matriarchate es mit dem Verhältnis von Frau und Mann? Frauen und Männer respektieren und achten einander. Sie haben es nicht nötig, miteinander zu konkurrieren. Sie sehen sich als Kinder von Mutter Erde – und sie haben unterschiedliche Aufgaben. Diese beiden Gruppen: hier die Frauen und da die Männer - sind in der Lage, immer wieder in Balance zu kommen. Frauen und Mädchen werden besonders geachtet, weil sie Mütter werden können beziehungsweise potentielle Mütter sind - auch ohne zu gebären.
 
Das mütterliche Prinzip, für andere zu sorgen, zu nähren, zu schützen und unterstützen, bildet die symbolische Ordnung. Diese liegt der gesamten Gesellschaft zu Grunde. Männer lernen in diesen Gesellschaften von klein auf eine fürsorgliche Haltung. Dazu ein Zitat von den matriarchalen Minangkabao auf Sumatra:

 „Derjenige Mann hat bei uns das höchste Ansehen, der wie eine gute Mutter handelt.“

Ein großer Vorteil der Matriarchatsbewegung der Gegenwart ist, dass sie bereits reale Vorbilder hat: nämlich diese matriarchalen Gesellschaften, die es Tausende Jahre (vor allem in der Jungsteinzeit) gab und von denen es immer noch einige gibt. Diese intelligente und komplexe Gesellschaftsform braucht nicht erst ausgedacht zu werden! Die Belege und Beweise hierzu haben ForscherInnen in aller Welt zusammengetragen.

Wir Frauen und Männer dieser Bewegung sind davon überzeugt, dass wir heute, mitten im noch herrschenden patriarchalen Kapitalismus, anfangen können mit matriarchalen Haltungen, Einrichtungen und Verhältnissen. Viele haben bereits mit der Veränderung ihres Lebens begonnen und auch mit der Gründung von neuen Einrichtungen. Vielleicht lässt es sich so vorstellen: Wir sind damit befasst, gewissermaßen parallel zu jedem der matriarchalen Merkmale, Projekte oder  Initiativen in unserem Umfeld aufzubauen.  
Einige von von diesen, nach  Analysen und Forschungen ins Leben gerufene  Einrichtungen, möchte ich jetzt nennen:
2007 wurde der Verein MatriaVal gegründet und gleichzeitig eine Zeitschrift herausgegeben, die ebenso heißt. MATRIA steht für matriarchal, für mütterlich und VAL kommt von dem englischen Wort values = Werte. Mit der 21. Ausgabe schlossen wir diesen Zyklus und gründeten die Online-Zeitschrift: „Mutterlandbriefe“.

Die Akademie ALMA MATER, deren Leiterin Siegrun Laurent ist Und an der auch Frauen von MatriaVal mitwirken, besteht seit dem Jahr 2002.  An dieser Akademie wird matriarchales Wissen weiter gegeben, Wissen, das dem Leben dient. Im Sinne der Akademie wird Matriarchatskunde vor Ort gelehrt. Das heißt, auf Einladung werden in verschiedenen Regionen Basiskurse in matriarchalem Wissen und Können abgehalten. Es existiert inzwischen auch ein großer Fundus an didaktischem Material. Filme, Texte, Spiele, Tanzanleitungen, Liederbücher, Bücherlisten, Fibeln, Buttons, Aufkleber, Orakelkarten und  Anleitungen zur Arbeit mit dem matriarchalen Ur-Symbol Labyrinth, deren Vertreterin Li Shalima ist.

GöttinnenGleich: MutterlandDes Weiteren gibt es in unserer Bewegung eine Initiative, die Land, das den Frauen geraubt wurde, wieder zurückholt, denn Land gehört in Frauenhand und soll damit wieder zu Gemeinschaftseigentum werden! In matriarchalen Gesellschaften sind Frauen Erbinnen von Haus, Hof und Land. Sie verwalten diesen Besitz für die Gemeinschaft. Unser entsprechendes Projekt heißt  „Mutterland“.

Vor vier Jahren haben wir nach dem Vorbild des Rates der 13 indigenen Großmütter auch hier in Deutschland den „Rat der Großmütter“ gebildet, der im Jahre 2010 die „13 Machtworte“ auf dem Hambacher Schloss ausgerufen hat. Zu matriarchalen Gesellschaften gehört die Ehrung der Alten und das Einbeziehen ihrer Erfahrung und Weisheit.

Der Matria-Markt Dieser Online-Markt soll daran erinnern, dass wir anstreben, ohne Geld Bedürfnisse aller Art zu befriedigen. Die Ökonomie in matriarchalen Gesellschaften funktioniert wie ein einziger großer Haushalt. Die Frauen von Juchitán, Mexiko machen uns vor, wie selbstbestimmtes, regionales Wirtschaften von statten gehen kann. Eine großartige Theorie, die über das Tauschprinzip hinausgeht, wurde von der Texanerin Genevieve Vaughan entwickelt. Ihr Ansatz wird die  „Ökonomie des Schenkens“ genannt und kommt der Ökonomie, wie wir sie aus matriarchalen Gesellschaften kennen, sehr nahe.
 
Die Bewahrung und das Weitergeben unserer Geschichte sind uns wichtig. Wir haben dafür das Archiv MatriaWis in Göttingen aufgebaut. Dort werden neben Büchern, Filmen, Abbildungen, wissenschaftlichen Arbeiten, Zeugnisse aus den Matriarchaten selbst archiviert. In der Schweiz in in der alteingessesenen Kantonsbibliothek in St. Gallen gibt es seit 2011 das Matri-Archiv, die erste internationale Fachbibliothek für Matriarchatsforschung.

Zum matriarchalen Leben gehört, dass die Ursprungsfamilie im Großfamilienverband zusammenbleibt. Verwandtschaft bedeutet, über die Mutter verwandt zu sein. Diese Großfamilie lebt zusammen, wirtschaftet gemeinsam und sorgt füreinander. Erotische und sexuelle Beziehungen finden außerhalb dieser Gemeinschaft statt. Auch dies ist ein Modell, an dem wir uns hier orientieren. Sogenannte Matri-Clans sind im Entstehen. Zunächst sind sie auf Wahlverwandtschaft aufgebaut. Entscheidend für die Gründung ist, dass die Gründerin eine Frau, möglichst eine Mutter ist, um die herum der Matri-Clan aufgebaut wird.

GöttinnenGleich: GodeortMatriarchale Gemeinschaften werden durch Spiritualität zusammen gehalten. Das Allumfassende wird in der Natur verehrt. Die Göttin stellt sich in Bergen, Gewässern, Höhlen, alten Bäumen dar. In Vietnam zum Beispiel gibt es einen Berg, der als liegende Göttin angesehen wird, die Geschichte dazu ist, dass sie 99 Liebhaber hat. Die Freude unter uns Matriarchatsbewegten war groß als nach und nach ähnliches für unsere Gegenden in der unmittelbaren Nachbarschaft erforscht und ausgegraben wurde. Wir nannten diese Orte Godeorte, ein alter Name für die Göttin. Entlang dieser Orte haben wir den Godeweg entwickelt. Hier können wir Mutter Erde danken und hier können wir uns Kraft holen.

Gode ist auch ein alter Begriff für Beschützerin und Begleiterin. Übers ganze Land verteilt fanden sich Frauen, die eine solche Aufgabe als Beschützerin und Begleiterin übernehmen wollten. Sie bezeichnen sich als Goden und haben sich im Godenetzwerk zusammengeschlossen. Bei ihnen können sich alle melden, die in ihrer Region Kontakt zu matriarchalen Menschen, Veranstaltungen oder Wissen suchen.

Quellen und weiterführende Links