... One Billion Rising ...
Eine Milliarde erhebt sich. Steht auf! Streikt! Tanzt!

von Anna-Lena Wulf
 

One Billion RisingWas ist „One Billion Rising”?

„One Billion Rising” bedeutet auf Deutsch übersetzt „eine Milliarde erhebt sich”. Eine Milliarde erhebt sich, steht auf, streikt und tanzt! Weltweit an Valentinstag in über 200 Ländern und über 190 deutschen Städten. One Billion Rising ist eine globale Kampagne zur Beendigung der Gewalt gegen Frauen ein und gleichzeitig ein weltweiter Akt der Solidarität.

Nach einer Statistik der Vereinten Nationen wird eine von drei Frauen im Laufe ihres Lebens Opfer von körperlicher und/oder sexueller Gewalt. Über eine Milliarde Frauen und Mädchen auf unserer Erde werden geschlagen oder vergewaltigt. In Deutschland ist es jede vierte Frau.

Die New-Yorker Künstlerin Eve Ensler hat Valentinstag 2013 erstmals die Aktion One Billion Rising ins Leben gerufen. Der erdrückenden und grauenhaften Realität von einer Milliarde misshandelten Frauen setzt One Billion Rising die positive und lebensbejahende Kraft von einer Milliarde kollektiv tanzender Menschen entgegen. Das ist eine Revolution!
One Billion Rising ist eine Demonstration von Stärke und Kraft, von dem Wunsch eines respektvollen und friedlichen Miteinanders, das Gewalt gegen Frauen und Mädchen nicht einfach hinnimmt, sondern den Schleier des Wegschauens lüftet und Gerechtigkeit für Frauen und Mädchen fordert. In was für einer Welt leben wir, in der einer Milliarde Menschen solch Leid zugefügt wird und der Rest schweigt? Damit ist Schluss! Dies ist unsere Erde! Lasst uns eine friedliche, offene, sichere, freie und bunte Heimat schaffen. Mit lustvollem Tanzen und kraftvollen Gesang durchbrechen wir die Spirale der Gewalt und setzen gemeinsam ein Zeichen!

Steht auf! Streikt! Tanzt!

Mehr Informationen findest Du auf der Homepage von One Billion Rising


One Billion Rising & ich

Im Kreis der Frauen

Mit One Billion Rising bin ich 2014 auf dem Frauenkongress "Erwachen einer neuen Weiblichkeit" das erste Mal in Berührung gekommen. Die Zeit dort war eine sehr intensive und intime Erfahrung. Im Kreis der Frauen sangen und tanzten wir gemeinsam zu „Break the chain“. Ich war zutiefst berührt.
Zum Einem vom Schmerz: Eine Milliarde Frauen und Mädchen. Ist das nicht eine unfassbare Zahl? Und das Schlimme ist, dass es keine Zahl ist! Es sind eine Milliarde Leben, eine Milliarde individuelle Schicksale… und jedes einzelne zählt.
Zum Anderen war ich zutiefst berührt von der Idee, Kraft und Verbundenheit: Eine Milliarde Menschen steht auf und stellt diesem Grauen etwas zutiefst gutes und positives gegenüber. Wir durchbrechen mit Gesang und Tanz die Ketten des kollektiven Schmerzes und der Trauer, dem Gefühl der Hilflosigkeit und Ohnmacht. Wir bemächtigen uns und erheben gemeinsam unsere Stimme. Wundervoll!

Wir waren ein Kreis von vielleicht 150-200 Frauen. 150-200 Frauen, die ihre Kraft und Stärke miteinander verbanden und potenzierten. Wellen von Gefühlen erfassten mich. Zuerst war da der Schmerz. Schläge. Anfeindungen. Abwertungen. Antatschen. Niedermachen. Benutzen. Missbrauchen. Vergewaltigen. Millionenfach. Eine Milliarde mal. Eine Milliarde. Ein schwarzes, schreiendes, dröhnendes, pochendes Loch. Mir blieb die Luft weg. Ich musste weinen. Mir wurde schlecht. Es tat so weh. So weh.
Doch mit jedem Schritt. Mit jeder Bewegung. Mit jedem Sprung löste sich etwas in mir. Die Beklemmung. Die Trauer. Der Schmerz. Break the chain – Sprenge die Ketten. Stück für Stück. Ketten aus Schmerz und Hilflosigkeit fesseln. Und nun fielen sie. Eine nach der anderen. Raum wurde frei. Raum für Freude. Stärke. Kraft. Freiheit. Miteinander. Gemeinsam. 150-200 ganz unterschiedliche Frauen. Jede für sich wundervoll. Jede eine Göttin.
Wir weinten, lachten, sangen, tanzten. Euphorie. Jede für sich, jede nach ihrer Fasson - gleichzeitig jede mit jeder verbunden und alle gemeinsam. Eine Welle – ein Leuchtfeuer am Horizont.


One Billion Rising 2015 in Lübeck

Ich habe Angst auf Gruppen fremder Menschen zuzugehen. Mir ist es total unangenehm im Mittelpunkt zu stehen. Ich habe Angst mich in einer Gruppe von unvertrauten Menschen zu öffnen und aus mir raus zu gehen. Die zukünftige Schwiegermutter hat um 15:00 Uhr zum Geburtstagskaffee eingeladen… Ungünstige Voraussetzungen für meine erste Teilnahme an einer offiziellen One Billion Rising Aktion.
In einem langen Dialog mit mir war ich drauf und dran mich davor zu drücken. Unangenehm, Unangenehm. Es gehen ja bestimmt genug andere da hin. Wichtig ist ja nur, dass ich im Herzen dabei bin… Nichts da! Pustekuchen. Kommt gar nicht in die Tüte. Hasenfuß fass‘ Mut! Wie heißt es so schön in dem Film „Plötzlich Prinzessin“ „Mut ist nicht die Abwesenheit von Angst, sondern vielmehr die Erkenntnis, dass etwas anderes wichtiger ist als Angst.“ Für Frauen aufzustehen, Solidarität zu zeigen und die Beendigung der Gewalt zu fordern war mir wichtiger.
So stand ich am 14.02.2015 um 14:20 Uhr mit schlotternden Knien und meinem Schatz im Schlepptau auf dem Rathausplatz und wartete.  Oje – und mir ging es gar nicht gut. Fremde Menschen, nicht wissen, was auf mich zukommt, keine Ahnung haben, wie die Gruppe hier tanzt, dann das Ganze auch noch vor noch mehr fremden Menschen. Und außerdem war es echt kalt. Na prima.
Dann kamen die Frauen mit Plakaten und einem großen Banner. Göttin war ich aufgeregt und Herr Je war mir schlecht! Ursprünglich sollte unter den Arkaden des Rathauses getanzt werden, doch da sich der DJ der Eisbahn, die im Winter auf einem Teil des Rathausplatzes aufgebaut ist, bereit erklärte „Break the chain“ zu spielen, ging es raus ins Licht. Mitten auf den Platz. Samstag. Valentinstag. Lübecker Innenstand. Zentrum. Fußgängerzone. Brechend voll. Einfach wunderbar. Da ging es mir ja glatt noch schlechter – auch wenn ich mich sehr für die Aktion freute.
Der DJ machte eine kurze Ansage und die ersten Töne erklangen. Es ging los. Die Frauen links rum. Ich rechts. Vorwärts – ach ne Rückwärts! Ok. Sie tanzen eine andere Choreographie, als die, die ich kenne. Supi! Wie, jetzt schon springen? Mist – schon wieder falsche Richtung! Der Gesang erfasst mich. Ach ist doch auch total Pip-Egal! „It’s time to break the chain“ … und dann tanze ich und singe und habe Spaß und springe mit der Hälfte der anderen Frauen in die andere Richtung und alles ist gut. Der DJ hängt noch gleich eine zweite Runde dran und ich habe Tränen in den Augen. Für einen Moment bin ich mit allen Frauen verbunden. Weltweit. Wir lachen, klatschen und feiern.
Die Frauen ziehen weiter und ich mache mich glücklich strahlend mit meinem Schatz auf in Richtung Auto. Die zukünftige Schwiegermama wartet… und fragt mich später als erstes, wie es war.

Auf dem Weg nach Hause unterhalten sich mein Schatz und ich über die Aktion.
„Ich stand ja an der Seite und habe die Menschen und ihre Reaktionen auf euch beobachtet“, sagt mein Partner mit einer traurigen Stimme. „Weißt du, da haben viele euch mit richtiger Verachtung angesehen. So nach dem Motto: Was wollen die Irren denn da?“ Seine Stimme wird heiser: „Da waren auch junge Frauen, die richtig über euch gelästert und sich aufgeregt haben.“
Ich bin verwundert, denn es macht mich weder traurig noch wütend. Ich lächle ihn an: „Ja. Das stimmt. Es sind aber auch viele Menschen stehen geblieben und haben uns zugesehen. Nächstes Jahr möchte ich komplett mitgehen.“