... Die Bienenfrau in der Höhle ...
nach einem spanischen Märchen

frei nacherzählt von Anna-Lena Wulf
 

GöttinnenGleich - BienenZwischen den Horizonten, dem Gestern und Morgen lebten einst ein Mann und eine Frau.  Sie waren gut zu dem Land und das Land war gut zu ihnen. So hatten sie stets eine duftende Mahlzeit auf dem Feuer und ihre Hüte war wohlig warm. Doch glücklich waren sie nicht, denn kein Kinderlachen erfüllte ihr Heim.
Alles hatten sie bereits versucht: Dieses und jenes Kraut probiert, Quacksalber und Ärzte aufgesucht, Wallfahrten unternommen und Kerzen angezündet. Alles war vergeblich. Die Wiege blieb leer und der Schoß der Frau verschlossen. Und mit jedem Mal, da ihre Hoffnung fehlschlug, fehlte ihnen mehr das Hoffen.

Der Abend brach an und die Eheleute saßen zusammen am Kamin, als sie es auf einmal klopfen hörten. „Wer ist denn da?“, fragte der Mann.
„Nur ein armer, alter Bettler“, antwortete die Stimme, „Habt ihr etwas zu Essen für eine ehrliche Seele?“
„Essen haben wir genug. Komm herein!“
Der Bettler trat ein und sah sich um. „Könnte ich heute Nacht bei euch schlafen.“
„Natürlich. Wir haben genug Platz. Komm, setz dich ans Feuer.“ Der Mann zeigte einladend auf einen Stuhl. Die Frau hatte sich bereits auf gemacht und bereitete dem Bettler ein warmes Mahl aus Kartoffeln, frischem Gemüse und gutem Fleisch zu.
Während er genüsslich aß, sah sich der Bettler um und fragte schließlich: „Wie kommt es, dass euer Herz so groß und ihr doch so alleine seid?“
Bedrückt antwortete der Mann: „Gott gab und keine Kinder und so bleibt unsere Stube stumm.“
„Es gibt doch auf alles einen Rat“, erwiderte der alte Mann und schüttelte bedächtig seinen Kopf.
Die Augen des Mannes wurden glasig: „Wir haben bereits alles versucht: Dieses und jenes Kraut probiert, Quacksalber und Ärzte aufgesucht, Wallfahrten unternommen und Kerzen angezündet.“
Der Bettler fühlte den Schmerz des Paares und wusste doch keinen Rat: „Nun“, sagte er, „lasst uns zu Bett gehen und über all dies schlafen. Bei Tageslicht ist der Blick klarer und mag sein, dass wir morgen klüger sind als heute.“

Als der Morgen anbrach nahm der alte Streuner den guten Mann bei Seite: „Der Wind hat mir eine Geschichte erzählt. So merke auf: Im Gebirge, noch hinter dem dichten Wald liegt in einem blauen Berg eine Höhle aus der eine Quelle springt. Dunkel ist die Höhle und ihre Wände summen. Gehe hinein, doch sei nicht mit leeren Händen. Trage in der linken Hand einen großen Krug voll kostbarem Honig und in der Rechten einen Stock aus Wachs. In der Höhle findest Du eine Frau mit dreierlei Haaren. Die Einen schwarz wie die Erde, die Anderen rot wie Blut und die Letzten weiß wie Schnee. Viele tausend Jahre schläft sie schon im Schoß der Erde. Wecke sie, denn sie kann dir helfen.“

Der gute Mann bedankte sich beim Alten, nahm Honig und Wachsstock und schritt von dannen. Sein Weg führte über Wiesen und Felder, das Gebirge fest im Blick. Weder Stock noch Stein hielten ihn auf, und auch den dichten Wald ließ er hinter sich. Viele Tage wanderte er bereits, als er vor sich einen blauen Berg erkannte. Er entdeckte einen Rinnsal Wasser und folgte ihm zu seiner Quelle, als sich vor ihm eine Höhle auftat.
Seltsam summten und brummten die Wände und schienen sich zu bewegen. Als er näher trat erkannt er, dass sie über und über mit Bienen bedeckt waren. In all dem Gewimmel erkannte er auf einmal etwas, dass auf dem Boden lag. Einige schwarze, rote und weiße Haare lugten aus der Bienenschar hervor. Da hatten die Bienen den Eindringling auch schon gewittert und fühlten sich von ihm gestört. Zornig stoben sie in die Luft und machten sich wütend zum Angriff auf. Eilig stellte der Mann den großen Krug voll Honig auf den Boden und legte den Stock aus Wachs noch dazu. So, wie Geschenke Felsen zerbrechen, verflog auch die Wut der Bienen und sie machten sich genüsslich über das Festmahl her.
Bedächtig ging der gute Mann in die Höhle und berührte behutsam die schlafende Frau. Da schlug sie ihre Augen auf. Ernst und eindringlich musterten sie aus ihrer Tiefe den Mann. Dieser wagte es kaum zu atmen und sein Herz bebte. „Ich kenne Dein Begehren. Du hast meinen heiligen Bienen Honig und Wachs gebracht. Deine Gesinnung ist rein und deine Hütte warm. Du bist ein guter Mensch und deine Frau ist es auch. Darum sollst ihr haben, was ihr euch wünscht.“ Die Dreifarbige hielt auf einmal einen Apfel und einen Birne in ihren Händen: „Wenn deine Frau diesen Apfel speist wird sie einen Sohn empfangen. Isst sie diese Birne, so wird sie ein Mädchen gebären.“
Der gute Mann konnte sein Glück kaum fassen und danke der Bienenfrau.
„Deinem ältesten Kind möchte ich ein Angebinde machen. Komm und zupfe mir aus jeder meiner Strähnen ein Haar aus. Nimm ein schwarzes, ein rotes und auch ein weißes. Flechte sie zu einer Kette, die dein Kind stets tragen möge. So wird es stets vom Glück begleitet werden.“
Der Mann zupfte aus jeder ihrer Strähnen ein Haar aus: Ein schwarzes, ein rotes und auch ein weißes. Er bedanke und verneigte sich vor Bienenfrau. Dann machte er sich auf den Weg zurück nach Hause.

Er ließ den Berg und den dichten Wald hinter sich. Sein Weg führte über Wiesen und Felder, seine Heimat fest im Blick. Viele Tage wanderte er bereits, als er seine Hütte und Frau in der Ferne erkannte.
„Lange bist du fort geblieben mein Gatte“, begrüßte und herzte ihn seine Frau. „Doch sprich, was bringst du da schönes von deiner Reise?“
Er hob den Apfel in die Höhe: „ Wenn du von diesem Apfel speisen wirst du einen Sohn empfangen.“ Dann hob er die Birne empor: „Isst du diese Birne, so wirst du ein Mädchen gebären.“
Traurig wurde da der Blick der Frau: „ Ach… das wird so wenig helfen wie die Quacksalber und Wallfahrten und alles andere auch. Doch… warte. Ich habe schon lange keine Birne gekostet und so will ich sie gleich probieren.“ Die gute Frau aß die ganze Birne. Den Apfel jedoch hob sie auf und legte ihn in ein Regal.
Die Monate vergingen und schon bald wölbte sich der Leib der Frau und ihr Bauch nahm die Gestalt einer Birne an. Nach 9 Monaten geschah das Wunder: Ein bildschönes Mädchen erblickte das Licht dieser Welt und die Freude der Eltern kannte keine Grenze. Sie liebten die Kleine aus ganzem Herzen und nannten sie fortan Catalina. Stets trug sie eine Kette, die aus schwarzen, roten und auch weißen Bändern bestand. Schnell wuchs sie, wurde von Tag zu Tag schöner und war stets vom Glück begleitet.
Einige Jahre zogen ins Land, da entdeckte die Mutter einen Apfel auf einem Regal. Rund und Prall lag er da. An die Geschichte erinnerte sie sich nicht mehr so ganz. Sie aß ihn und gebar nach 9 weiteren Monaten einen Knaben. Glücklich nannten die stolzen Eltern ihren Sohn Joan.
Nie wieder blieb die Stube stumm und war erfüllt von Kinderlagen. Ab und zu summte eine Biene vorbei und setzte sich zu den Kindern.


Quelle: Barbara Stamer: Märchen von Mutter Erde. Krummwisch: Königsfurt-Urania, 2012, S. 10-12