... Die Maismutter ...
nach einer Legende der nordamerikanischen Creek-Indianer

frei nacherzählt von Anna-Lena Wulf
 

Quelle: H.D.Volz  / pixelio.deDie Welt war gerade erschaffen und hatte begonnen sich zu drehen, als wir in einfachen Hütten lebten. Wir durchstreiften das Land, stets auf der Suche nach Nahrung.
Am Ufer eines Flusses befand sich ein großes, stattliches Lager.  Es war weithin bekannt für seine mächtigen Krieger, die schon viele Kämpfe für sich entschieden hatten. Eines Tages tauchte dort eine alte, zerlumpte Frau auf. Mager war sie von Gestalt und erbärmlich war ihr Anblick. Die Männer des Lagers waren bereits in den frühen Morgenstunden zur Jagd aufgebrochen. Die meisten Frauen und Mädchen sammelten am Ufer des Flusses Knollen, Wurzeln und wildes Gemüse. So bemerkten nur einige wohlgenährte Kinder, die zurückgeblieben waren um das Feuer zu hüten, die halb verhungerte Alte: „Scher Dich davon!“, riefen sie: „Hier ist kein Platz für Dich. Wir haben nichts zu verschenken. Geh doch lieber ins nächste Lager!“

Die Alte sprach kein Wort und zog stumm weiter, bis sie im Wald verschwand. Dort gelangte sie in ein weiteres Lager, dessen Hütten mit prächtigen Fellen behangen waren. Doch auch hier wollte niemand etwas von ihr wissen und man schickte sie mit erhobener Faust fort: „Hier ist kein Platz für Dich. Wir haben nichts zu verschenken. Geh doch lieber ins nächste Lager!“

Das runzlige Weib erreichte ein drittes Lager, das majestätisch auf einem Berg thronte. Doch auch hier begegneten die Bewohner ihr mit Verachtung und wollten nichts von der zerlumpten Gestalt wissen.

Die Sonne neigte sich bereits nieder, als die Alte in das Gebiet des Alligator-Clans kam. Der Clan war weder reich, noch mächtig, noch hoch angesehen und so bestand das kleine Lager lediglich aus ein paar einfachen Reisighütten. Keine Kriegstrophäen zierten es und keine prächtigen Pelze priesen vom Reichtum seiner Besitzer.
Bescheiden und schüchtern bat das arme Weib um ein wenig Nahrung und einen Platz am Feuer. „Komm her, Alte.“, winkten sie: „Wir haben Platz genug. Komm nur, komm. Etwas Essen werden wir auch noch für Dich finden. Du musst hungrig sein und einen langen Weg hinter Dir haben, so mager wie Du bist.“ Und die Frauen aßen zusammen und ließen die Alte direkt am Feuer schlafen, denn dies war der beste Platz.
Als der Morgen anbrach begaben sich die Männer in den Wald, um dort auf Hirschjagt zu gehen. Die Frauen zogen los um Beeren, Wurzeln und Holz zu sammeln. Das Lager und die Wacht über das Feuer jedoch vertrauten sie dem Weiblein an. Auch die Kinder sollten ihre gutmütigen Augen im Blick behalten. Niemand kannte sie, doch vertraute ihr jeder. Warum auch nicht? Noch nie war etwas bei den Creek-Indianern weggekommen und Betrug war uns fremd.
Das alte Weiblein war jedoch die Maismutter selbst, die in dieser unscheinbaren Gestalt übers Land zog. Als die Frauen und Männer des Clans abends zurück kamen konnten sie ihren Augen nicht trauen. Rund und glücklich saßen die Kinder am Feuer und erklärten, dass sie bereits gegessen hätten. Die Erwachsenen staunten nicht schlecht, als ihre Töchter und Söhne berichteten: „ Für uns alle hat das Mütterchen reichlich Essen gehabt!“ Sie rieben ihre prall gefüllten Bäuche: „Und es schmeckte so gut! Viel besser als die harten Wurzeln und sauren Beeren.“
Der Älteste des Clans runzelte seine Stirn: „Nun gut. Sagt der Alten, dass sie mir etwas von eurem Mahl aufheben solle, denn ich möchte wissen, was sich dahinter verbirgt.“ Als er am nächsten Abend den Brei kostete verzog sich sein Gesicht zu einem genüsslichen Lächeln und er musste zugeben, dass er noch nie etwas so köstliches gekostet hatte. Doch was er auch versuchte, er kam nie hinter das Geheimnis, woher die Frau die Zutaten für das Mahl nahm und all seine Anstrengungen waren vergeblich.

Ebenso plötzlich, wie das zerlumpte Weib im Lager erschienen war, war sie eines Tages auch wieder verschwunden. Niemand von uns hatte gesehen, wie sie ging und niemand wusste zu berichten wohin sie gegangen war. Die Sonne ging unter und wieder auf, die Jahreszeiten wandelten sich und die Jahre verstrichen, die Alte jedoch blieb verschwunden.
Ein Junge konnte den seltsamen Brei nicht vergessen und sehnte sich nach seinem Geschmack. Als er zum Krieger geweiht worden war, wurde sein Herz von einer Unruhe ergriffen und er beschloss die alte Frau suchen zu gehen. Gewiss konnte sie auf ihren gebrechlichen Beinen nicht weit gekommen sein und seine jungen Füße würden ihn schon geschwind zu seinem Ziel tragen.

Sein Weg führte ihn über steile Bergketten und durch tiefe Täler, er überwand reißende Flüsse und durchkämmte dunkle Wälder, er schritt über weite Wiesen und watete durch stinkende Sümpfe – doch in keinem Lager kannte man die Alte und niemand wusste von ihr zu berichten. Entmutigt und niedergeschlagen errichtete er sein Lager an einem Fluss. Er blickte aufs Wasser, als er auf einem Male von einem tiefen Schlaf übermannt wurde. Als er erwachte zucke er jäh zusammen. War es ein Zauberwesen, was dort vor ihm aufragte? Vor ihm stand ein hutzliges Wesen, dessen langes weißes Haar wallend auf dem Rücken hinab hing. Es trat näher ans Feuer und da erkannte er die Gestalt. „Liebes Mütterchen,“, strahlte er: „lange habe ich Dich gesucht! Niemals konnte ich Dich und Deinen Brei vergessen. Bitte, liebes Mütterchen, bitte komme mit mir zurück in unser Lager. Der Alligator-Clan wird Dich willkommen heißen und Du wirst bei uns stets einen warmen Platz am Feuer finden.“ Doch die alte Weise wehrte ab: „ Ich kann Dir nicht folgen und Du kannst nicht bei mir bleiben. Doch wenn Du meinen Rat befolgst und tust, was ich Dir auftrage, dann werde ich immer bei Dir sein und Du wirst mich nie vermissen.“
Sie drehte sich um und deutete dem jungen Krieger ihr zu folgen. Beide gelangten an einer Stelle am Fluss, an welcher das Gras des letzten Jahres hüfthoch stand. „Entfache ein Feuer und brenne das alte Gras ab“, sagte sie und fügte mit ermahnender Stimme hinzu: „ Und frage nicht warum, dann wirst Du schon sehen.“ Der Junge nickte und tat, wie ihm geheißen. Hoch schlugen die Flammen. Knisternd und knatternd fraßen sie sich durch das trockene Gras, bis nur noch Asche das Ufer bedeckte.
Zufrieden nickte die Alte: „ Nun nimm mich bei den Haaren. Schleife mich kreuz und danach quer über die schwarze Erde. Gebe Acht, überall dort, wo Du mich über den Boden geschliffen hast, wird neues Gras aus des Erde sprießen und irgendwann wirst Du zwischen den grünen Blättern mein Haar entdecken. Dann ist das Wunder getan, der Samen reif und das Geheimnis des Breis, weswegen Du all die Mühen auf Dich genommen hast, zur Ernte bereit.“ Sogleich machte sich der junge Krieger an die Arbeit. Er packte die alte Frau an ihren Haaren und zog sie kreuz und quer über die Erde. Jeder Flecken wurde von ihm bedacht. Gerade, als der letzte fruchtbare Boden berührt war, war die Frau wie von Zauberhand verschwunden. Langsam ging der junge Mann zurück zu seinem Feuer. Seine Gedanken wanderten zur weisen Frau und er dachte an das Erlebte. Wieder fiel er in einen tiefen Schlaf.

Quelle: berggeist007  / pixelio.de Als er am nächsten Morgen erwachte, rieb er sich ungläubig die Augen. Dort, wo gestern noch verbrannte Erde war wuchs heute ein seltsames Gras. Hoch war es. Sehr hoch, denn es ragte ihm über den Kopf! Und was war das? Überall zwischen den Blättern entdeckte er ein kleines Büschel von dem Haar der alten Frau.

Noch heute tragen Maiskolben den Schopf der Alten und jeder von uns Indianern weiß, dass die Maismutter stets an uns denkt und uns nicht vergessen hat.



Quelle: Claudia Schmölders: Die wilde Frau. Köln: Eugen Diederichs Verlag, 1983, S. 38-41

Bildquelle: Fotos v.o.n.u.:  © H.D.Volz  pixelio.de  , © berggeist007  pixelio.de