... Die Mondin und das Kind ...

von Anna-Lena Wulf
 

GöttinnenGleich - MondinEin kleines Kind wandelte einst auf Wunderwegen den Sternen entgegen, um in den Himmel zu gelangen, wo die Götter leben. So kam es in einen dunklen Wald. Dort, am Rande der Zeit, wo der Wind mit alten Bäumen singt, schlichen wispernd Nebelschwaden und krächzend sangen stumme Raben. Geister griffen nach seiner Hand und führten es in ein kaltes Land. Ein Gefühl aus anderen Tagen wollte der Junge dort begraben. In sein Herz sollte niemand mehr rein und so würde das Eis sein Wächter sein.

Doch jede Nacht wanderte sein Blick zu den Sternen zurück. Ein stechender Schmerz, der sein kleines Herz quälte, erinnerte ihn daran wonach es sich sehnte. In seiner erwählten Einsamkeit hatte er sein Herz um das betrogen, wozu es einst ward geboren. Doch in Gedanken flogt es noch immer den Sternen entgegen und versuchte verzweifelt in den Himmel zu gelangen, wo die Götter leben, um vor Gott zu stehen und ihn anzuflehen:

„Bitte gib mir zurück, was mir gehört,
sende mir Dein Licht, das mich betört,
gebe mir etwas, auf das ich bauen kann,
und mache mich zu jenem Mann,
der ich vielleicht niemals sein werde
und doch so begehre.“

Jede Nacht hörte die Mondin sein Flehen und konnte doch nicht mit ihm reden. Denn das Kind wollte nicht die Stimme seiner Seele hören und hatte so begonnen sich selbst zu zerstören. So schickte sie ihm eine Träne, um ihm zu zeigen, dass sie ihn sehe. Mit der Träne sandte sie dem Kind von droben, einen Botschaft in einem Traum verwoben.

„Gott wirst Du dort nicht finden,
denn nur in den Winden,
die in Dein Herz führen,
kannst Du göttliches berühren.
Niemand kann Dir geben,
was Du nicht nehmen willst.
Liebe und Leben,
gebärst Du nur in Dir selbst,
Du bist es, der Dich erhellt.
Du bist es, der den Weg wählt.“