... Die Erschaffung der ersten Männer und Frauen ...
Schöpfungsmythos der Aborigines

Frei nacherzählt von Anna-Lena Hertel
 

Vor langer, langer Zeit schuf der große Schöpfergeist Pund-jel die ganze Welt. Mit seinem großen Steinmesser zerschnitt er die Erde und formte so Berge und Täler, Seen und Flüsse, Wiesen und Auen. Er beseelte das Land und brachte alle Lebewesen hervor, die es bevölkern sollten… bis auf die Frauen.

Die Erschaffung der ersten Männer

Eines Tages nahm Pund-jel sein Messer und schnitt drei große Rindenstücke ab. Auf das Erste legte er noch feuchten Ton und begann ihn zu bearbeiten. Er knetete und walkte immer wieder und wieder, bis er glatt und formbar wurde. Wieder nahm er sein großes Steinmesser und schnitt den Ton in zwei gleich große Hälften. Er trug die Masse zum zweiten Rindenstück und begann erneut es zu kneten. Der Ton begann sich zu verwandeln und die Gestalt eines Mannes anzunehmen. Erst formte Pund-jel die Füße, dann die Beine, den Rumpf, die Arme und schließlich den Kopf. Er war voller Tatendrang, nahm gleich den übrigen Ton und verwandelte die Masse auf dem dritten Rindenstück erneut in den Körper eines Mannes. Pund-jel war sehr zufrieden mit sich und seiner Arbeit. Seelig betrachtete er die beiden Männer eine Zeit lang und war so beglückt, dass er aufsprang um  sie zu tanzen begann.
Voller Enthusiasmus zog er die faserige Rinde von einem Eukalyptusbaum ab. Diese drapierte er auf den Köpfen der Männer und schuf so ihren Haarschopf. Einen Mann gestaltete er glattes und dem anderen Mann gelocktes Haar. Und ach - wieder war Pund-jel war sehr zufrieden mit sich und tanzte und freute sich.
Er beschloss den beiden Gestalten Namen zu geben. Jenen Mann mit dem glattem Haar gab er den Namen Ber-rook-Boorn, jenen mit dem Gelockten Koo-Kin-Ber-rok. Er glättete den Körper der beiden Gesellen von Schopf bis Zeh und legte sich dann rittlings auf sie drauf. Durch Mund, Nase und Nabel flößte Pund-jel ihnen seinem Atem ein. Plötzlich bewegten sich beide Wesen und begannen zu atmen. Wie sich Pund-jel da freute! Ein drittes Mal tanzte er begeistert um beide Männer. Sie konnten ihn noch nicht verstehen, denn sie kannten die Bedeutung der Wörter nicht und so schenkte er ihnen die Gabe der Sprache. Sodann befahl er ihnen aufzustehen und sie standen als erwachsene Männer auf.

Der Fund der Frauen

GöttinnenGleich - SeePund-jel hatte einen Bruder. Pal-ly-yan war sein Name und er war der Herr über alle Gewässer, über Bäche und Flüsse, Teiche und Seen, sogar das über das weite Meer und alles, was in ihm lebte und wuchs. Pal-ly-yan liebte es im Wasser zu baden und seine Tiefe zu ergründen. Gerne spielte er mit den Wellen und so geschah es, dass es eines Tages wild in einer besonders tiefen Wasserstelle planschte. Er schlug mit seiner flachen Hand übermütig auf die Wasseroberfläche. Das Wasser spitzte zu allen Seiten und wirbelte den Schlamm vom Grund auf. Das Wasser wurde trübe und verwandelte sich schließlich in ein Schlammloch.
Die konnte man noch in dem Wasser erkennen, doch Pal-ly-yan hatte auf einmal das Gefühl, dass sich etwas unter der Oberfläche des Schlamms befand. Er nahm einen kleinen Zweig und begann ganz vorsichtig den Schlamm zu durchtrennen. Auf einmal entdeckte es in dem Morast ein paar Hände, die jenen glichen, die Pund-jel geformt hatte. Schnell holte Pal-ly-yan einen großen gekrümmten Ast. Mit ihm teilte er den Schlamm tiefer und immer tiefer. Er durchforstete ihn, bis auf einmal zwei Köpfe auftauchten die jenen ähnelten, die Pund-jel geformt hatte. Mit dem starken Ast fischte er die beiden Gestalten aus dem Schlamm. Da erkannte er, dass es zwei junge Frauen waren, die er dort in der Tiefe gefunden hatte. Pal-ly-yan gab ihnen die Namen Ko-ner-warra und Ku-ur-rook.

Er brachte sie zu seinem Bruder Pund-jel. Dieser gab die beiden den von ihm geschaffenen Männern zur Frau und bestimmte, dass sie in Frieden miteinander leben sollten. Er schenkte den Männern Speere und befahl ihnen sie bei der Jagd auf Kängurus und Emus zu benutzen. Pal-ly-yan schenkte
den Frauen Grabstöcke und sagte ihnen, dass sie mit ihnen nach Nahrung graben sollten.

Drei Tage lang blieben die beiden Geister bei den beiden Paaren. Sie unterwiesen die Männer im Umgang mit dem Speer und in der Jagd. Den Frauen zeigten sie, wo sie nach Wurzeln graben sollten.
Als am Ende des dritten Tages alle gemütlich zusammen saßen zog auf einmal ein starker Wind auf.
Ein Wirbelsturm näherte sich der Gruppe und Pund-jel und Pal-lyyal entschwanden in ihm.



Quelle: Claudia Schmölders: Die wilde Frau. Köln: Eugen Diederichs Verlag, 1983, S. 17-18