... Vom Ursprung der Welt ...
Schöpfungsmythos der Inuit

frei nacherzählt von Anna-Lena Wulf
 

Quelle: Thomas Hein  / pixelio.deWeise waren unsere Ahnen und vermochten von vielen Dingen zu erzählen. Zwar konnten sie keine Wörter in Zeichen verbergen, doch wer braucht das schon, wenn er um die Erinnerungen seiner Väter und Vorväter weiß? Die alten Frauen unseres Stammes reden nicht einfach nur so dahin! Im Alter gibt es keine Lügen, sondern nur noch Wahrheit. Jede Minute Leben ist dann zu kostbar geworden, um sie mit derlei Unsinn zu vergeuden. Darum glauben wir Ihnen und darum sind wir nicht unwissend!


Unsere Ahnen wussten auch von der Entstehung der Erde zu erzählen und ich erzähle Euch nun was sie wussten:
Vor langer, langer, langer Zeit stürzte die Welt von oben herab. Felsen und Steine, Erde und Sand fiel hoch vom Himmel hernieder. Dann kamen auf einmal kleine Menschenkinder aus der Erde. Sie kamen aus Weidenbüschen hervor und lagen mit geschlossenen Augen unter ihnen. Sie konnten weder gehen, noch krabbeln und so  zappelten sie hin und her. Genährt wurden sie von Mutter Erde.
Dann gab es dort einen Mann und eine Frau. Wie weiß niemand. Und niemand weiß, woher. Ein Rätsel. Wann waren sie groß geworden? Wer waren ihre Eltern? Man weiß es nicht. Ich weiß es nicht. Was wir wissen ist, dass die Frau die Kinderkleider nähte und hinaus ging. Sie wanderte weit und fand schließlich die Kinder unter den Weidenbüschen. Sie zog sie an, brachte sie nach Hause und so wurden es viele Menschen.
Es herrschte Dunkelheit, denn die Menschen kannten die Sonne nicht. In den Hütten jedoch gab es Licht und so lebten sie dort. Und weil sie nichts zu tun hatten vermehrten sie sich immer fort. Die Menschen kannten den Tod nicht und wurden uralt. Bald wurde es eng in den Hütten und wenig später war die Erde überfüllt.
Da sprach eine uralte Frau zu einer anderen: „Wir wollen beides haben, Licht und Tod!“ Und als sie es sprach wurde es wahr. Der Tod kam und mit ihm die Sonne, der Mond und auch die Sterne. Denn wenn Menschen sterben, steigen sie zum Himmel auf und beginnen dort zu leuchten.



Quelle: Claudia Schmölders: Eskimomärchen. Köln: Eugen Diederichs Verlag, 1969

Bildquelle: Fotos v.o.n.u.:  © Thomas Hein pixelio.de