... Die Belebung der Welt ...
Schöpfungsmythos aus Mexiko

frei nacherzählt von Anna-Lena Wulf
 

Am Anfang, da war auf dieser Welt nichts außer Erde und Wasser. Der Sonnengott blickte von droben und schmauste. Zuweilen fielen einige Körne hinab, dann und wann ein paar Samen und manchmal spukte er einfach die Kerne von Früchten aus. Und siehe, dass was von droben nach unten kam, schlug Wurzeln im Wasser und im Erdenreich. Die Pflanzen des Himmels gediehen prächtig und die Welt wurde grün und schön.
Als der Sonnengott sah, dass das Reich unter ihm nicht mehr wüst und leer und trist und öde war, da wollte er sie mit Tieren bevölkern, damit er mehr zu sehen hätte. So nahm er eine Hand voll Tiere und warf sie auf die Erde. Doch was war das? Die Fleischfresser fielen über die Pflanzenfresser her! In seinem Reich hatte es das nicht gegeben! Stets hatte er die Fleischfresser an seiner Tafel gefüttert und sie waren immer freundlich gewesen.

Die Nacht brach an und die Frau des Sonnengottes, die Mondgöttin, erwachte. Doch was war das? Auf der Erde wimmelte es auf einmal und Landtiere zogen über Steppen und kletterten in Bäumen. Was hatte ihr Gatte da nur wieder angestellt?
Die Meere, Seen und Flüsse waren noch leer und einsam. Die Mondgöttin war die Herrin über das Wasser und aller Lebewesen, die in ihm lebten. So holte sie sich ein großes Netz und fischte damit im himmlischen Teich. Ihre Beute warf sie hinab ins Wasser. Doch was war das? Die fleischfressenden Fische fielen über die anderen her und manche griffen sogar die Tiere am Lande an! Ihrem  Reich hatte es das nicht gegeben! Stets hatte sie die Fleischfresser gefüttert und sie waren immer freundlich gewesen.

Der Morgen brach an und der Sonnengott erwachte. Auf der Erde herrschte Krieg und die Tiere fielen übereinander her. Das gefiel dem Sonnengott gar nicht und er wollte für Frieden sorgen.
So sagte er sich: „Ich werde ein Tier machen, dass mir ähnlich ist und über alle Tiere herrscht! Dieses Tier soll auf Erden dann meine Arbeit tun und die Fleischfresser füttern!“ Und so geschah es, dass er erste Mann vom Sonnengott geschaffen wurde.

Als die Mondgöttin in der nächsten Nacht erfuhr, was ihr Gatte geschaffen hatte, sagte sie: „Nur an die Tiere auf dem Lande hat mein Mann gedacht! Und was ist mit den Lebewesen unter Wasser? Ich werde ein Tier machen, dass mir ähnlich und allen Tieren im Wasser überlegen ist!“ Und so geschah es, dass die erste Frau von der Mondgöttin geschaffen wurde.
Die erste Frau jedoch sah es überhaupt gar nicht ein sich um die Fische zu kümmern und lief satt dessen viel lieber dem Mann hinterher. Die Mondgöttin wurde sehr zornig. Sie schlug der Frau mit einem Dornenstock zwischen die Füße und riss ihr dabei das Geschlecht ab. 
Darum tragen Frauen noch heute einen Riss zwischen den Beinen und bluten dann und wann.

Auch dem ersten Manne gelang es nicht den Frieden zwischen den Tieren wieder herzustellen. Der Sonnengott hatte vergessen ihm etwas zu geben, mit dem er die Fleischfresser hätte füttern können.
Darum herrscht noch heute Krieg zwischen den Fleisch- und Pflanzenfressern sowohl an Land, als auch unter Wasser.


Quelle: Claudia Schmölders: Die wilde Frau. Köln; Eugen Diederichs Verlag, 1983, S. 19-20