... Volospá  - Der Seherin Gesicht ...
Nordischer Schöpfungsmythos aus der Edda



GöttinnenGleich: WeltenbaumDie Lieder-Edda ist eine Sammlung von nordischen Götter- und Heldensagen. Sie wurden erst nach der Christianisierung um 1270 zusammengetragen. In ihr finden wir die Götterdichtung „Voluspá - Der Seherin Gesicht“, bei welcher eine Seherin eine Rede vor einer Thinggemeinde hält. In ihrer Vision erzählt sie von der Entstehung der Welt in der Urzeit, der Erschaffung der Götter sowie des ersten Menschenpaares und dem Untergang an Ragnarök.
Von der Vision der Seherin möchte ich Dir hier erzählen. Da
die Rede sehr umfangreich ist endet meine Erzählung bereits nach der Schöpfung der ersten beiden Menschen. Wie es weiter geht erfährst Du in der Edda oder in den Weiten des Netzes.
Unter meiner Erzählung findest Du den passenden original Ausschnitt der Edda in der Übersetzung von Felix Genzmer.


Volospá  - Der Seherin Gesicht
Von der Schöpfung der Welt und des ersten Menschenpaares

frei nacherzählt von Anna-Lena Wulf
 

Gähnend war die Leere am Beginn der Zeit und nichts war da. Nichts als Dunkelheit und Unordnung. Inmitten von diesem Chaos lag eine riesige Spalte, die so tief war, dass der Grund in ihrer Schwärze nicht zu sehen war. Ginnungagap war ihr Name.
Nördlich von Ginnungagap lag eine finstere Welt aus Nebel, Frost und Eis. Niflheim wurde sie genannt. Dort entsprang die heilige Quelle Hvergelmir, die elf Flüsse speiste. Ihre Läufe endeten in der schwarzen Spalte, und ihr Wasser gefror jäh zu Eis, wenn es sich in die Tiefe stürzen wollte.
Südlich von Ginnungagap lag eine ewig helle Welt aus Feuer und Licht, die man unter dem Namen Muspellsheim kannte. Sie wurde vom Feuerriesen Surt beherrscht, der fleißig seinen Umgang mit dem Flammenschwert erprobte. Groß waren die Funken, die das Schwert schlug und so drangen die mächtigen Flammen bis ins ewige Eis am Rande Ginnungagaps vor.
Riesige Dampfwolken stiegen zischend empor, und wurden von der Kälte nach unten bis auf den Grund der Spalte gedrückt und wo sie langsam gefroren. Aus der kraftvollen Verbindung von Feuer und Eis entstand das erste Leben: Der Ur-Riese Ymir und die gewaltige Kuh Audhumla.
Ymirs stillte genüßlich seinen Hunger mit der Milch Audhumlas. Rund und wohl genährt fiel er in einen tiefen Schlaf. So bemerkte er auch nicht, wie eine weitere Flamme aus Surts Schwert direkt neben ihm einschlug. Heiß wurde es da und der Riese fing an zu schwitzen. Der Schweiß rann seinem Körper hinab und formte 3 weitere Riesen. Thrudgelmir, ein hässlicher Gesell, war einer von ihnen. Er sollte der Großvater der Eisriesen werden.
Die Ur-Kuh Audhumla hatte weder Gras, noch Klee, von dem sie speisen konnte und so blieb ihr in der Einöde Ginnungagaps nur das gefrorene Quellwasser Hvergelmirs, um sich von ihm zu nähren. Wieder und wieder glitt ihre Zunge über das salzige, kalte Eis. Nach und nach leckte sie so Buri frei, der zum Stammvater der Asen werden solle. Sein Sohn Bor nahm die Riesin Bestla zur Frau und gemeinsam hatten sie drei Söhne: Odin, Vil und Ve. Sie waren die Verkörperung des Guten, die ersten und zugleich Vornehmsten des Geschlechts der Asen.
Den Riesen um Thrudgelmir wohnte die unbändige Kraft der Zerstörung inne und ihnen missfiel die positive und geordnete Energie, die von den Asen ausging. Sie wollten das Gute in der Welt zerstören und so kam es zum Krieg zwischen den beiden Geschlechtern. Hart war er, lange und erbarmungslos. Keine Seite konnte ihn für sich entscheiden. Mit einer List lauerten Odin, Vil und Ve dem Urriesen Ymir auf und erschlugen ihn schließlich. Blut quoll aus seinem Körper und rann in Sturzbächen aus seinem Leichnam. Es erfasste die anderen Riesen und sie ertranken jämmerlich im Lebenssaft ihres Ahnen. Nur zwei konnten sich auf ein Boot retten und in ein Land namens Jöthunheim fliehen.
Odin, Vil und Ve beschlossen aus Ymirs Körper die Welt zu formen. Das Blut des Riesen wurde zum ewig wogenden Weltenmeer. Das Reich Midgard schufen sie aus seinem Fleisch und befestigte es im Weltenmeer, dass die Erde für immer umschließen sollte.  Seine Knochen formten sie zu Bergen und Täler, die Zähnen zu Klippen, und aus dem Haar entstanden Bäume und Büsche. Die Asen hoben Ymirs Schädeldecke empor und stützen sie auf vier Hörnern ab. So entstand das Himmelszelt und die Reste seines Gehirns hingen sie als bauschige Wolken ans Firmament.
Dunkel war es unter Ymirs Schädeldecke und kein Licht erreichte die neue Erde. Da holten die Götter Funken von Surtrs Flammenschwert und formten aus ihnen Sonne, Mond und Sterne, um die Welt zu beleuchten. Doch weder Sonne, Mond und noch die Sterne kannten ihren Platz am Himmel, denn die Zeit war noch nicht bestimmt. Die Asen wussten sich zu helfen und bauten Kutschen, welche die Sonne und den Mond fortan übers Firmament ziehen sollten. Da Die Götter versammelten sich an Odins Richterstuhl und hielten Rat. Für Nacht und Tag, Voll- und Neumond wählten sie Namen. Sie benannten Morgen und Mittag, Zwielicht und Abend, um die Zeit zu messen.
Und aus der Mitte der neuen Welt entsprang der Weltenbaum Yggdrasil. Seine prachtvolle Krone ragte hoch über das Himmelsgewölbe, ihre Äste breiteten sich weit über die ganze Welt aus und mit ihren langen Wurzeln drang sich bis ins Reich der Hel vor.
Sonne und Mond wurden in ihren Kutschen über das Himmelsdach gezogen, als eines Tages am Rand des Meeres drei Asen zwei umgestürzte Bäume fanden. Ask und Embla lagen ohne Lebenskraft und Schicksal verlassen am Strand. Odin, Vil und Ve schufen aus dem Holz der Esche Ask einen Mann und aus dem Holz der Ulme Embla entstand eine Frau. Doch noch fehlte den Wesen eine Seele, Vernunft, Lebenswärme und das rechte Aussehen.
Die drei Asen nahmen sich ihrer an. Odin hauchte den Beiden den Atem der Seele ein. Vil (Hönir) spendete ihnen einen klaren Verstand sowie Wissensdurst. Lodur (Ve) schenkte ihnen die Gaben der fünf Sinne, das Leben erwärmende Blut und ihr göttliches Aussehen…


Volospá  - Der Seherin Gesicht
Ausschnitt aus der Edda in der Übersetzung von Felix Ganzmer


Ausschnitt und Zitat aus „Die Edda“ in der Übersetzung von Felix Genzmer, Götterdichtung „Der Seherin Gesicht (Volospá)“:

„1. Gehör heisch ich
heiliger Sippen,
hoher und niedrer
Heimdallssöhne:
du willst Walvater,
das wohl ich künde,
was alter Mären
der Menschen ich weiß.

2. Weiß von Riesen,
weiland gebornen,
die einstmal mich
auferzogen;
weiß neun Heime,
neun Weltreiche,
des hehren Weltbaums
Wurzeltiefen.
 
3. Urzeit war es,
da Ymir hauste:
nicht war Sand noch See
noch Salzwogen,
nicht Erde unten
noch oben Himmel,
Gähnung grundlos,
doch Gras nirgend.
 
4. Bis Burs Söhne
den Boden hoben,
sie, die Midgard,
den mächtigen, schufen:
von Süden schien Sonne
aufs Saalgestein,
grüne Gräser
im Grund wuchsen.
 
5. Von Süden die Sonne,
des Monds Gesell,
schlang die Rechte
um den Rand des Himmels:
die Sonne kannte
ihre Säle nicht;
die Sterne kannten
ihre Stätte nicht;
der Mond kannte
seine Macht noch nicht.
 
6. Zum Richtstuhl gingen
die Rater alle,
heilige Götter,
und hielten Rat:
für Nacht und Neumond
wählen sie Namen,
benannten Morgen
und Mittag auch,
Zwielicht und Abend,
die Zeit zu messen.

7. Die Asen eilten
zum Idafeld,
die Heiligtümer
hoch erbauten;
sie setzten Herde,
hämmerten Erz;
sie schlugen Zangen,
schufen Gerät.

8. Sie pflogen heiter
im Hof des Brettspiels,
nichts aus Golde,
den Göttern fehlte-,
bis drei gewaltge
Weiber kamen,
Töchter der Riesen
aus Thursenheim.
 
9. Zum Richtstuhl gingen
die Rater alle,
heilge Götter,
und hielten Rat,
wer der Zwerge Schar
schaffen sollte
aus Brimirs Blut
und Blains Knochen.
 
10. Motsognir ward
der mächtigste da
aller Zwerge,
der zweite Durin;
die machten manche
menschenähnlich,
wie Durin es hieß,
die Höhlenzwerge.
 
11. Bis drei Asen
aus dieser Schar,
stark und gnädig,
zum Strand kamen:
sie fanden am Land,
ledig der Kraft,
Ask und Embla,
ohne Schicksal.
 
12. Nicht hatten sie Seele,
nicht hatten sie Sinn,
nicht Lebenswärme
noch lichte Farbe;
Seele gab Odin,
Sinn gab Hönir,
Leben gab Lodur
und lichte Farbe.
 
13. Eine Esche weiß ich,
sie heißt Yggdrasil,
die hohe, benetzt
mit hellem Naß:
von dort kommt der Tau,
der in Täler fällt;
immergrün steht sie
am Urdbrunnen.
 
14. Von dort kommen Frauen,
vielwissende,
drei aus dem Born,
der unterm Baume liegt:
Urd heißt man eine,
die andere Werdandi –
sie schnitten ins Scheit-,
Skuld die dritte;
Lose lenkten sie,
Leben koren sie
Menschenkindern,
Männergeschick.“