... Die Mattka ...
Mutter - Mattka - Matrone

von Amari Dé
 

Quelle: Maria von Amarie DéDa sitze ich nun, in dieser Kirche in Konstanz, und schaue zu Dir auf. Du bist zart, jung, beweglich, lieblich, einfach wunderschön.

Ich bin mittlerweile keine junge Frau mehr. Eindeutig. Aber auch noch keine Alte. Und zwischen der jungen Frau und der Alten: Was liegt da? Die Matrone!

Ich bin eine Matrone!
Eine Mattka!
Wie schrecklich!!!

Ich schaue an mir herab! Wo früher kaum ein Händchen war, breiten sich jetzt schwere Brüste aus. Mein Bauch wabert rund vor mir her und mein Hinterteil, das eigentlich immer recht klein war, ist breit und behäbig geworden.

Ich habe mal was von Figur-Mustern gehört. Wenn eine genauso breite Schultern hat wie ihre Hüften, dann nennt man das Idealfigur. Sind die Schultern schmaler, spricht man vom Birnentyp (hach, ich steh auf Birnentyp…), sind die Schultern breiter als die Hüften, so hab ich‘s früher immer „kerlisch“ genannt. So lange, bis ich eine elegantere Formulierung gelesen habe: Sektkelch-Figur. Ich erinnere mich genau: Grinsend hab ich mir das damals auf der Zunge zergehen lassen: Wie edel! Ich hatte eine Sektkelch-Figur. Und mittlerweile? Mit rundem Bauch, runden Hüften und mittlerweile immerhin der Ahnung einer Taille – etwas Gutes hat‘s ja – und aber zusätzlich zu den breiten Schultern und dem breiten Rücken auch noch nach außen gerundeten Oberarmen: Was hab ich da?

Eine Tönnchenfigur???

Hmmm… Jedenfalls bin ich echt weit entfernt von dieser Anmut und Grazie, die da oben vor mir auf dem Sockel tanzt.

Wenn ich ehrlich bin: Ich wäre immer gerne so gewesen. So zierlich, zart und fein. So… schutzinstinkterweckend. War ich aber nie. Ich war eher eine Amazone! Kraftvoll, dynamisch, mit tollen, definierten Oberarmen und eher zu viel Power als zu wenig.

Doch was wird aus einer Amazone, wenn sie Kinder kriegt?
Eine Mattka!

Na, wenn ich ehrlich bin (schon wieder), dann hab ich mir die Amazone wirklich lang erhalten. Nur die letzten Jahre… Es ist nicht so, glaube ich, dass ich sie nicht wieder in mir realisieren könnte. Aber was mir fehlt, das ist die Lust daran. Ich mag nicht mehr so viel Zeit und so viel Energie in ein Körpertraining stecken. Das langweilt mich. Ein bisschen vielleicht. Muss ja wohl sein. Aber Stunde um Stunde um Stunde? Nur für ein paar straffere Muskeln und ein bisschen mehr Dynamik?

Ich gebe zu, ich stehe auf einer Kante. Mag meine Schlaffheit, den beginnenden Verfall meines Körpers nicht und mag auch kein Körpertraining. Schaue auf der einen Seite herunter und jammere, schaue auf der anderen Seite herunter und jammere.

Weil, da ist ja auch noch mein Lieblingsmann! Der steht auf schlank und Amazone. Das weiß ich. Und hab‘s genossen, ihn zu verführen. Für ihn wär‘s gut, wenn ich 10/15 Kilo weniger an mir herum verteilt hätte. Andererseits: Vorm Älterwerden schützt mich das auch nicht! Es ist zum… Mäusemelken!!!

Blick nach oben, zu Dir, Du jugendliche Schönheit!

Und dann höre ich, wie ich, mir selber gute Freundin, Mutter und Gefährtin, anfange, mit mir zu reden:

„Hör mal, Du“, sag ich zu mir „Wie lange eigentlich willst Du junge Frau bleiben? Du bist jetzt deutlich über 50. Mehr als die Hälfte Deiner Zeit ist längst herum. Normalerweise sagt man Drittel, Drittel, Drittel! Das heißt, Du hast schon 20 Jahre länger Jugend/Amazonensein genossen, als Dir gemeinhin zusteht. Was willst Du eigentlich?

Wie kommt es denn, dass bei Euch in dieser Gesellschaft die Matrone so wenig anerkannt ist!

Matrone? Mattka?
Das ist Mütterlichkeit!

Breite Brüste, in die Kinder sich kuscheln,
einen weichen, nachgiebigen Bauch zum Anlehnen
und einen breiten Schoß, um es sich darauf gemütlich zu machen.
Und weiche, runde Arme, um liebend zu umfangen!
Und: einen breiten Rücken, der viel tragen kann…

Das ist Mütterlichkeit!!!

Kommt nicht gut?
Überlegs Dir noch einmal…“

...~*~...

Und, ob Du es glaubst oder nicht: Jetzt gerade, ein in dem Moment, wo ich diese Gedankengänge und diese Stimmung wieder einfange und aufschreibe, die ich vor ein paar Wochen in einer Kirche in Konstanz hatte, da macht es einen Knall und meine Aphrodite, der Inbegriff der Göttin der Jugend, der Schönheit und des Eros hier für mich im Haus, fällt herunter und zerbricht in zwei Teile.

Jahrelang steht sie an gleicher Stelle auf einem Hocker bzw. auf einer flachen Schale gleich neben der Tür, dekoriert mit getöpferten Herzen, Bast und Bändern von meiner Schwester und kleinen Papierblumen, den Symbolen der Isis. Gerade jetzt, in diesem Moment, hat mein Mann sie versehentlich herunter gerissen beim Betreten des Raumes. Jetzt liegt sie da in zwei Teilen.

Ich weiß noch nicht, ob ich sie noch einmal repariere.

Vielleicht ist ihre Zeit vorbei!
Vielleicht ist jetzt die Zeit der Mattka angebrochen…

Vielleicht ist es
sogar jetzt an der Zeit,
so langsam alle Götter
vom Himmel zu holen.
Und sich endlich…
nur noch dem Sein
zu widmen!

...~*~...

P.S.: Und ich hab damals, nach dem Erlebnis in der Kirche, abends im Bett meinen Liebsten angeschaut und ihn gefragt: „Hmmm, Schatzilein, Deine Allerschönste bin ich nicht mehr, aber Deine Allerliebste, oder?“ Und er hat zurückgeschaut mit so viel Wärme im Blick und so viel Liebe und dann hat er, der so etwas sonst eher gar nicht sagt, gesagt:

„Ja, Du bist meine Allerliebste!“

Amari Dé
(Wellen, die an mein Ufer schlagen)




Quellen und weiterführende Links:

Bildquelle: Fotos v.o.n.u.: Amari Dé