... Mein Weg zur Göttin: Donate ...
Erzählungen und Geschichten vom Weg zur und mit der Göttin

von Donate Pahnke McIntosh (1999/2014)

 
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Mein Weg zur Göttin begann eigentlich schon in meiner Jugend, als ich mich, in der dürren protestantischen Kirche sozialisiert, von den Marienaltären katholischer Kirchen bezaubern ließ. Als junge Erwachsene war ich dann Teil der erwachenden spirituellen Frauenbewe- gung und lernte neue Hexen und andere Göttinverehrerinnen kennen. Ab den achtziger Jahren kam ich mit der Reclaiming-Community in Kontakt und hatte das Glück, in Starhawk eine Lehrerin zu finden, die ihr tiefes Wissen und ihre Ritualerfahrung großzügig weitergab. Ich habe über meine Lehrzeit bei und mit ihr einen Artikel geschrieben, den ich hier auszugsweise anfüge:

... Being a Good Pagan ...
Magische Lehrjahre bei Starhawk

von Donate Pahnke McIntosh (1999/2014)

"Being a good Pagan you can go practicing anything", sagte Starhawk in einem Vortrag 1987, als sie gefragt wurde, wie sie ihre jüdische Kinderstube und ihre Sozialisation im christlichen Nordamerika mit ihrem Hexesein verbinden könne. Es war das erste Mal, dass ich sie life erlebte, und ich war fasziniert von ihrer Erscheinung und ihrem Auftreten, das vollkommen unprätentiös und ganz anders war, als ich mir diese berühmte Hexe vorgestellt hatte. Diese Idee, von der sie sprach, nämlich dass frau unter bestimmten Voraussetzungen einfach alles praktizieren könne, elektrisierte mich. Das wollte ich lernen! Mehr als genug hatte ich davon gehört, was es hieße, eine gute Christin zu sein (je nach Herkunft waren die Ansichten darüber sehr unterschiedlich), und mein Studium der Religionswissenschaft, einschließlich der Teilnahme an vielen religiösen Zeremonien in unterschiedlichen Gemeinschaften, hatte mich darüber aufgeklärt, was eine gute Muslimin, Hindu, Buddhistin usw. sein könne, aber ich hatte noch nie eine Einladung dazu erhalten, herauszufinden wie es sein könnte, ganz frei in meiner spirituellen Wahl zu sein. Selbst einige der feministischen Angebote zwischen Frauengottesdiensten und matriarchalen Mysterienfeiern waren mir recht rigide vorgekommen. So nahm ich 1987 an Starhawks erstem Workshop in Deutschland teil, und meine magische Lehrzeit begann.


Die Göttin lebt, und alles, was lebt, verändert sich

Unter all meinen religiösen Lehrerinnen und Lehrern habe ich nie eine weniger orthodoxe Autorität erlebt als Starhawk. "Die Göttin lebt", sagte sie, "und alles, was lebt, verändert sich. Das ist Magie, die Kunst, willentlich Bewusstsein zu verändern. Unser Bewusstsein verändert sich kontinuierlich, und damit verändert sich auch alles andere. Die Göttin ist ein Symbol, eine Tür, durch die du in die Anderswelt gehen kannst und dort Erfahrungen machen kannst: mit dir selbst, mit ihr und vielleicht mit dem ganzen Universum."
Für die meisten von uns war dies eine radikal neue Erfahrung. Nicht eine neue, genau definierte göttliche Autorität wurde uns präsentiert, an der wir uns abzuarbeiten hatten, sondern uns wurden Möglichkeiten zur praktischen Erprobung neuer persönlicher Zugänge zum Heiligen angeboten. Zu einem Heiligen, das individuell, lebendig und wandelbar sein durfte, so wie es in einem unserer Lieblingslieder in jener Zeit zum Ausdruck kam: Sie wandelt alles, was sie berührt, und was sie berührt, wird verwandelt. Für einige war das Heilige die Göttin, für andere etwas anderes. Alles war möglich und doch war nichts beliebig. Unsere Erfahrungen blieben geerdet im System der "fünf heiligen Dinge" Luft, Feuer, Wasser, Erde und Geist. Dinge, an die niemand glauben musste, sondern die jede/r direkt und unmittelbar erfahren konnte, geleitet vom wichtigsten Gebot der Hexenethik: "Tu, was du willst, und schade niemandem."


Kompetenz, Erfahrung und Humor

    Was mich zuerst an ihr angezogen hatte, war ihre Sicherheit, die es mir möglich machte, mich zu öffnen und gehalten zu fühlen. Was mich mehr und mehr überzeugte, war ihre Integrität, die Erfahrung, dass sie tatsächlich lebte, was sie lehrt. Was mich bis heute bleiben ließ, ist ihr Humor, ihre Einstellung, dass nichts so heilig ist, als dass es sich nicht prächtigst durch den Kakao ziehen ließe, und ihr subtiler Witz, der auch in den schwierigsten Situationen noch Raum für ein Lachen öffnet.


Magische Lehrjahre

Diese Heiterkeit erwies sich im folgenden auch als nötig. So warmherzig und empathisch Starhawk im allgemeinen war, so hart konnten die Aufgaben sein, die sie stellte. Im Laufe der Übungen, insbesondere der intensiven Trancearbeit, bin ich immer wieder an Punkte gekommen, an denen ich mich vor die Wahl gestellt sah, entweder unterzugehen oder einen großen Entwicklungssprung zu machen. Zum Glück passierte meistens das letztere. Auch andere Schwierigkeiten traten auf. Ich litt unter der großen räumlichen wie persönlichen Distanz, die ein spontanes Austauschen oder um Rat fragen fast unmöglich machte. Zudem trieb mich so manches Mal Starhawks mangelnder Sinn für Theorie und Systematik an den Rand der Verzweiflung. Immer wenn der intellektuelle Teil in mir hervortrat und ich mit ihr in eine theologische oder philosophische Diskussion eintreten wollte, konnte ich sicher sein, dass sie schon nach kurzer Zeit in Gedanken ganz woanders sein würde, zum Beispiel bei einem Ökoprojekt in El Salvador oder bei einer Rettet-die-Redwoods-Aktion in Kalifornien oder dass ihr gerade jetzt genau der gesuchte Trommelrhythmus für den neuesten Witchcamp-Chant einfallen würde. So blieb zu meinem Frust die Theorie eher Nebensache. Dafür habe ich aber oft ihre Bereitschaft erlebt, tage- und nächtelang etwa über Fragen der religiösen Ethik und spirituellen Verantwortlichkeit zu diskutieren.


Initiation als Selbstbindung

Nach einiger Zeit tauchte die Frage der Initiation auf. Einige von uns wollten das, was wir gelernt hatten, in einen tieferen persönlichen Rahmen integrieren und baten Starhawk, uns zu initiieren. Sie lehnte ab und informierte uns, dass sie, wenn überhaupt, nur in ihre eigene Gemeinschaft in San Francisco initiiere. Aber sie und Pandora, die den Kurs als Co-Priesterin leitete, waren bereit, im Abendritual ein Setting zur Verfügung zu stellen, in dem es uns möglich sein sollte, eine Selbstinitiation im Sinne eines Gelöbnisses oder eines bindenden Ritus unser Wahl zu vollziehen. Der Kreis der anderen Teilnehmerinnen würde bei diesem Akt der Bindung an die Craft die Funktion des Bezeugens und Bestätigens erfüllen. Genauso geschah es.


Von der Lehrerin zur Freundin und Kollegin

Im Laufe von magischen dreizehn Jahren wurde für mich Starhawk von der Lehrerin zur Freundin und zur Kollegin. Unser Verhältnis wandelte sich fast unmerklich, außer dass unsere Spaziergänge durch die norddeutschen Wiesenlandschaften oder die kalifornischen Berghöhen immer länger wurden, dass sich auch in den hektischsten Workshop-Betrieb kleine Capuccino-Zusammenkünfte einschlichen und dass ich lernte, wie es ist, wenn in bestimmten Situationen das Halten der Energie im Workshop ganz selbstverständlich von einer auf die andere übergeht. Starhawks Abgeben von Leitung und Raumgeben für ein gleichberechtigtes Nebeneinander war eine meiner wichtigsten Erfahrungen in diesem Prozess.


Nachwort 2014

Seit ich diesen Artikel 1999 für das Themenheft "Spirituelle Lehrerinnen" der Zeitschrift Schlangenbrut schrieb, hat sich vieles verändert. Die europäische Reclaiming- Gemeinschaft, die ursprünglich eng ans norddeutsche Feencamp geknüpft war, hat sich in viele Äste und Zweige aufgefächert. Das Feencamp gibt es nicht mehr und auch das später gegründete Loreley-Camp nicht. Auch das Avalon-Witchcamp in England löste sich auf. Heute gibt es in Europa neue und andere Witchcamps in Deutschland, Spanien und England.
Starhawk und ich gehen heute eigene Wege. Aber ich werde nie aufhören dankbar zu sein, dass sie mir für so lange Zeit Begleiterin und Weggefährtin war.


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Bildquelle: Fotos v.o.n.u.:  Donate Pahnke McIntosh / Selene-Institut